Welche Mafia? In Deutschland war die Vorstellung lange Zeit vor allem von der Hollywood-Romantik beliebter Actionfilme, wie „Der Pate“, „Vendetta“ etc., geprägt. Sizilien-Urlauber können auch heute nicht erkennen, dass in den meisten Souvenir-Läden Schutzgeld („Pizzo“) an die Mafia gezahlt wird. Die Macht des organisierten Verbrechens durch die Mafia hat für die Menschen dort und in anderen Teilen Italiens bittere Konsequenzen. Sizilien und Apulien zählen zu den strukturschwächsten Regionen Europas. Die Arbeitslosenquote unter jungen Menschen ist extrem hoch. Armut, Korruption, Schutzgelderpressungen, Geheimbünde sind die Faktoren, die die Mafia-Strukturen am Leben erhalten. Hinzu kommt die globale Ausbreitung zum Beispiel der Cosa Nostra und der Camorra, die als weltweit vernetzte kriminelle Organisationen Rauschgifthandel und Geldwäsche betreiben.
Das Projekt LIBERA TERRA gibt Hoffnung, die durch zwei italienische Gesetze genährt wird. Personen und Firmen, denen die Mitgliedschaft in einer Mafia-Organisation nachgewiesen wird, können vom Staat enteignet werden. Die beschlagnahmten Güter können Organisationen der Zivilgesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Dieses Gesetz wurde von der Anti-Mafiaorganisation „Libera“ initiiert und ist Grundlage aller Antimafia-Kooperativen.
Um jenseits der Mafia auf Sizilien gerade jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu bieten, gründete 2001 der katholische Priester Don Luigi Ciotti in verschiedenen Regionen Italiens Sozial-Kooperativen. Zu den sozial-ethischen Kriterien der „LIBERA TERRA“ gehört selbstverständlich, dass die Kooperativen-Mitglieder keine Kontakte zur Mafia haben dürfen. Mit der Marke SOLIDALE ITALIANO hat die größte italienische Fair-Handelsorganisation ALTROMERCATO Produkte aus dem heimischen Fairen Handel hervorgebracht.
Die ProduzentInnen nutzen wie die Libera-Terra-Kooperativen „befreites“ Mafia-Land und engagieren sich aktiv gegen die Mafia. Zu den Kriterien gehört auch, dass sich die ProduzentInnen-Organisation gegen das System der Schwarzarbeit und besonders gegen die Ausbeutung illegaler Flüchtlinge wendet. ALTROMERCATO nutzt das Auswahlverfahren der WFTO (World Fair Trade Organization), genau wie dies für die ProduzentInnen des Globalen Südens geschieht.
Ein weiterer erfolgreicher Akteur gegen die Mafia und eine Kultur der Illegalität ist die Anti-Schutzgeldinitiative ADDIOPIZZO mit Sitz in Palermo. Sie vereinigt Unternehmen (Händler, Restaurants, Hotels, ProduzentInnen), die öffentlich die Zahlung des Schutzgeldes verweigern und für einen bewussten Konsum werben. (Es lohnt sich also, in Süditalien und auf Sizilien auf dieses Logo zu achten.)
Der Weltladen Gladenbach bezieht die Anti-Mafia-Produkte über das Fair-Handelszentrum Rheinland GmbH. Neben eingelegten Tomaten und Tomatensauce, natürlich biologisch angebaut, findet man eine besondere Nudelsorte der Sozialkooperative VALDIBELLA in Süd-Italien. Timilia-Weizen ist eine alte sizilianische Weizensorte, die ballaststoffreich, glutenarm und daher gut verträglich ist.
Valdibella verfolgt einen klaren Ansatz: freie, selbstbestimmte Landwirtschaft ohne mafiöse Einflussnahme. Jedes Produkt trägt das ADDIOPIZZO Siegel, ein Symbol dafür, dass die Kooperative gegen Schutzgelderpressung und illegale Kontrolle steht. Es zeigt, dass es möglich ist, eine demokratische, ökologische Landwirtschaft zu betreiben, selbst in einem Umfeld, das historisch stark von der Mafia geprägt wurde. ADDIOPIZZO hat die Kooperative, die sich erfolgreich gegen die örtlichen Clans wehrt, zertifiziert.
Im Weltladen finden Sie die Nudeln als Bio-Linguine („flache Spaghetti“). Neben ihrem Engagement gegen die Mafia erfüllen alle ProduzentInnen hohe Sozial- und Umweltstandards.
Im September sind die Nudeln von Libera Terra Produkt des Monats.
(Quelle: https://www.rfz-rheinland.de/index.php/libera-terra)
Text von: Doris Häring

