Wer hätte gedacht, dass 1983 ganz wenige junge Menschen mit dem Verkauf von so genanntem fairen Kaffee den Anstoß für den Fairen Handel in Künzelsau geben…?
Wer hätte gedacht, dass sich in Künzelsau der Faire Handel in Form eines Weltladens etabliert…?
Wer hätte gedacht, dass 40 Jahre lang viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Woche für Woche an der Ladentheke stehen und faire Lebensmittel sowie handwerkliche Produkte verkaufen…?
Ulla Ziegler, die einzige von Anfang an bis heute aktive Mitarbeiterin, und ihre Mitstreiterinnen sahen, dass viele Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel, in der damals so genannten 3. Welt unter miserablen Bedingungen Waren anbauen und herstellen, von denen wir im Norden profitieren.
Ganz klein fing es in der Amrichshäuser Straße, in der Caritas-Kreisstelle Anfang der 80er Jahre an, wo in einem kleinen Büroraum für die vietnamesischen Neubürger „heimische Lebensmittel“ verkauft wurden – und bald nicht nur für sie. Parallel dazu gab es dann den ersten fairen Kaffee im Angebot: Der so genannte Nicaragua-Kaffee wurde wie überall im Lande auch in hier verkauft.
Auf einfachen Holz-Regalen wurden die Waren angeboten, die im neuen Weltladen zu den Caritas-Öffnungszeiten gekauft werden konnten. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen fuhren privat nach Bad Cannstatt, dann später nach Leonberg und kauften bei GEPA Kaffee und Reis sowie Jutetaschen und handwerkliche Schmuckstücke ein. Durch jährliche Aktionen wurde auf den Verkauf von fairen Produkten in Künzelsau aufmerksam gemacht. „Jute statt Plastik“ stand damals schon im Mittelpunkt von vielen Gruppierungen in und außerhalb der Kirche.
Nicht nur die engagierten Frauen setzten sich für die Verbreitung des Gedankens des Fairen Handels und des Verkaufs fairer Lebensmittel ein – Kinder und Ehepartner wurden gebeten mitzuhelfen, so dass teilweise die ganze Familie sich einbrachte. Ein Netzwerk von Ehrenamtlichen entstand, die dafür sorgten, dass der Weltladen in Künzelsau immer größer und vielfältiger werden konnte. Während anfangs der tägliche Kassensturz noch händisch erfolgte, wurde mit dem wachsenden Angebot bald ein ehrenamtlich erstelltes individuelles Computerprogramm installiert. Damit waren Ein- und Verkauf sowie die jährliche Inventur leichter zu handhaben. Das Engagement von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Ladenbetrieb und bei öffentlichkeitswirksamen Aktionen war geleitet von der Idee, zu bestehenden unfairen Handelsstrukturen in unserem Land eine echte und machbare Alternative aufzuzeigen:
- Lebensmittel anbieten, bei denen die Bäuerinnen und Bauern mit einem gerechten Lohn bezahlt werden, der das Überleben der Familie sichert.
- Kontinuität und damit Sicherheit in den Handelsbeziehungen schaffen, um so dem bäuerlichen Leben eine langfristige Grundlage geben.
- Reduzierung und Abschaffung von ausbeuterischer Kinderarbeit, damit diese wirklich in die Schule gehen können.
- Unterstützung bei der Bildung von Kooperativen und die Gründung von Gewerkschaften möglich machen.
Die Frauen und Männer sind sich einig mit unzählig vielen anderen, die seit den 1970er Jahren an denselben Zielen arbeiten: die Welt kann nur überleben, wenn es gerechter und fairer zugeht. Und sie sind sich auch sicher, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind. Im Einsatz für eine gerechtere Welt werden Info- und Verkaufsstände in Künzelsau organisiert, die mit Pressearbeit untermauert werden. Auch wird der Laden Mitglied im Weltladen-Dachverband, der Weltläden und Gruppen als Lobbyverband vertritt, indem er Unterstützung und Hilfen für seine Mitglieder anbietet.
Trotz vieler Widerstände gaben sie nicht auf und die Produkt-Palette vergrößerte sich, zudem sprach es sich in Künzelsau herum: Da kannst du gut und fair einkaufen und damit auch etwas für die Frauen und Männer in Afrika, Südamerika und Südostasien tun. Jedoch war es auch häufig schwierig, die Menschen zu überzeugen, dass der etwas teurere Kaffee für viele Produzenten das Überleben sicherte.
2003 fand die Caritas neue Räume in der Innenstadt und plante den Umzug. Das Weltladen-Team sah darin eine große Herausforderung, aber auch eine Riesen-Chance. Die Diskussionen der ca. 7 MitarbeiterInnen drehten sich vor allem auch darum, ob längere Öffnungszeiten überhaupt leistbar seien und welche Konsequenzen neue Räume für die Ladeneinrichtung bedeuten.
Schließlich war es dann so weit und der Weltladen zog zusammen mit der Caritas-Kreisstelle in das Keitel-Haus hinter der Johanneskirche. Im Erdgeschoss entstand unter der Mithilfe von viel Eigenarbeit und einigen Spenden ein neuer ‚richtiger‘ Laden mit allem Drum und Dran: Es konnten neue Warengruppen ausgesucht werden, die Öffnungszeiten wurden von Montag bis Freitag ausgedehnt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten mehr als einmal die Woche Ladendienst und neue MitarbeiterInnen mussten gewonnen werden. In Absprache mit der Caritas wurde eine Kooperation mit der Mangelstube begonnen, die in den hinter dem Laden liegenden Räumen untergekommen ist. Ein weiteres Kooperationsfeld betraf die Finanzen des Ladens: Die gesamte Verwaltung der Buchhaltung wurde wie bisher von der Caritas-Regionalstelle in Heilbronn weiter geführt, Entscheidungen über Ausgaben und Einnahmen blieben jedoch selbstveranwortlich im Ladenteam.
Mittlerweile ist der Weltladen nicht mehr wegzudenken in Künzelsau und die Stammkundschaft vergrößerte sich. Dafür sorgten auch regelmäßig stattfindende Aktionen zu verschiedensten Gelegenheiten: Weltladentag, Faire Woche, Jubiläen. In der Zwischenzeit ist das Warenangebot so gewachsen, dass immer wieder die Frage von größeren Ladenräumen auftauchte. Im Laufe der Jahre professionalisierte sich das Team und damit auch die Organisation des Weltladens. Die derzeit 15 ehrenamtlichen Mitarbeitenden aus allen Altersgruppen bringen Berufserfahrung aus den verschiedensten Bereichen mit. In monatlichen Treffen organisieren sie sich und den Laden selbst. ‚Naürlicherweise‘ sind im Team die ‚SilverWorkers‘ (65+) in der Mehrzahl. Von einer Mitarbeiterin wurde ein Instagram-Account eingerichtet, um die jüngere Generation zu erreichen.
Künzelsau ist heute Faire Stadt. Es wurden Ladenteamer initiativ und regten eine Zusammenarbeit von Studenten und Stadtverwaltung an, die dann schließlich in der Gründung einer Steuerungsgruppe mündete. Zusammen mit der Stadt schaffte diese die Voraussetzungen dafür, dass die Kriterien für eine Fairtrade-Town erfüllt werden konnten. Künzelsau ist bis heute Faire Stadt.
Viele kleine Gespräche in Schulen und Kirchengemeinden motivierten Lehrerinnen und Schüler sowie Kirchengemeinderätinnen und Pfarrer sich zu öffnen für den Fairen Handel. Nach Gottesdiensten wurden Weltladen-Waren verkauft. Heute gibt es einige Faire Gemeinden, in denen z. B. die Weihnachtsgeschenke für die Mitarbeitenden im Weltladen gekauft werden. Ebenso gibt es in Künzelsau Faire Schulen, wo Schülerinnen und Schüler mit Unterstützung ihrer Lehrenden in der Schule faire Waren an die MitschülerInnen verkaufen. Darüber hinaus werden Unterrichtsstunden und Aktionen zum Thema durchgeführt.
Der Weltladen vergrößerte sein Angebot mehr und mehr und schließlich wurde bei der Buchhandlung Lindenmaier & Harsch eine Außenstelle eröffnet, wo die gängigsten Produkte auch den Buchhandlungs-Kunden offeriert wurden. Eine weitere ‚Filiale‘ enstand in der Stadtbücherei Waldenburg, in der immer noch Lebensmittel aus dem Weltladen angeboten werden.
Die Corona-Pandemie hat auch dem Künzelsauer Weltladen zugesetzt. Im angeordneten Lockdown wurde ein Liefer-Service angeboten, der jedoch kaum genutzt wurde. Danach mussten die Öffnungszeiten wegen des Ausfalls von Ladenpersonal reduziert werden. Wie in den anderen Läden mussten Hygiene-Bestimmungen aufgestellt sowie Tests und Masken angeschafft werden. Auch der Umsatz verringerte sich.
In diesem Zusammenhang war eine enge Absprache zwischen der Haus-Caritas und dem Weltladen-Team sehr hilfreich. Der direkte Weg zur Haus-Verwaltung sorgte bei den vielen alltäglichen Entscheidungen, die den Ladenbetrieb betrafen, für reibungslose Abläufe. Auch immer wieder auftauchende Probleme konnten in Mails und Telefonaten geklärt werden.
Der Weltladen ist kontinuierlich in der Steuerungsgruppe der Fairen Stadt vertreten und die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung inner- und außerhalb der Steuerungsgruppe wurde immer besser. So wurde ein Stadtkaffee und später eine Stadtschokolade kreiert, die im Weltladen und im Bürgerbüro der Stadt angeboten werden. Die Organisation des Einkaufs sowie die Abwicklung der Bestellungen lag und liegt beim Weltladen und alle städtischen Einrichtungen von der Kläranlage bis hinauf zum Rathaus bedienen sich ausgiebig an diesem Service. Zwischenzeitlich besorgt die Stadtverwaltung auch fairen Tee im Weltladen – nur bei Keksen und anderen Knabbereien ist noch ‚Luft nach oben‘.
Bei Aktionen der Fairen Stadt ist der Weltladen in der Regel dabei, sei dies beim Fairen Frühstück oder bei einem Banana-Day oder bei der Planung und Durchführung eines digitalen Adventskalenders während der Corona-Zeit.
Der Weltladen arbeitet zunehmend mit der Künzelsauer Gruppe von ‚Hohenlohe for Future‘ zusammen. Ein weiteres Engagementfeld sind Kontakte zu anderen Weltläden in der Region. So versucht das Team die vom DEAB (dem Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg) angebotenen Treffen der Weltläden in Nord-Württemberg möglichst häufig zu besuchen. Weiterhin gibt es Kontakte zur ‚Regional-Promotor*in für Eine Welt‘ im nordöstlichen Baden-Württemberg, die für diesen Bereich eine Vernetzungs-Plattform anbietet und viele Veranstaltungen zum Fairen Handel und Nachhaltigkeit nicht nur in der Region bewirbt. Nicht zuletzt ist der Weltladen Künzelsau Mitglied bei INKOTA, einem Zusammenschluss von Gruppen, die für eine gerecht Welt eintreten.
Unzählbar sind die Stunden, die in den vergangenen 40 Jahren für den Fairen Handel geleistet wurden:
- Verkauf von Produkten aus Fairem Handel,
- Beteiligung an politischen Kampagnen,
- Informations- und Bildungsarbeit zu Fragen des Fairen Handels in Schulen, Kirchengemeinden und bei Aktionen in der Künzelsauer Innenstadt
Da sind sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher, dass dieses ehrenamtliche Engagement nicht bezahlt werden könnte.
Und doch gibt es noch viel zu tun auf dem Weg zu einer faireren Welt mit mehr Gerechtigkeit und Partnerschaft in den internationalen Handelsbeziehungen:
Wir suchen – vor allem jüngere – Menschen, die im Team mitarbeiten möchten, denn wir
- wollen uns noch mehr vernetzen mit gleich gesinnten Gruppen und Weltläden in der Region
- wollen weiterhin Kontakte knüpfen, Impulse geben und Hilfestellungen anbieten für Kirchengemeinden und Schulen im Raum Künzelsau
- wollen weiterhin aktiv sein in der Fairen Stadt Künzelsau
- und nicht zuletzt unseren erfolgreichen Ladenbetrieb aufrecht erhalten und ausbauen.
